Kurzvideo-Plattformen wie TikTok, Instagram Reels oder YouTube Shorts setzen seit Jahren auf extrem kurze Clips, die sich in einer Endlosschleife aneinanderreihen. Was als unterhaltsames Format startet, wird für einen Teil der Nutzer zur Belastung: Eine neue Studie der TU Graz zeigt, dass die zugrunde liegenden Empfehlungssysteme Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) besonders stark binden und deren Fähigkeit untergraben können, die Nutzung bewusst zu beenden. Die Forschenden sprechen von einer „Engagement-Falle“.
Das Team um Elisabeth Lex vom Institute of Human-Centered Computing analysierte in einer Untersuchung mit 302 Teilnehmenden, wie sich algorithmische Kurzvideo-Feeds auf unterschiedliche Nutzergruppen auswirken. Beide Gruppen – mit und ohne ADHS – stuften die vorgeschlagenen Inhalte als relevant für ihre Interessen ein. Der entscheidende Unterschied zeigte sich jedoch bei der Nutzungserfahrung: Menschen mit ADHS berichteten deutlich häufiger, beim Scrollen das Zeitgefühl zu verlieren. Diese „Zeitblindheit“ führte dazu, dass sie wesentlich länger online blieben als ursprünglich beabsichtigt und große Schwierigkeiten hatten, den Konsum zu stoppen.
Nach dem Schließen der App blieben laut Studie häufig negative Effekte zurück. Viele Testpersonen mit ADHS empfanden die verbrachte Zeit als wenig wertvoll, hatten wichtige geplante Aufgaben verdrängt und berichteten von einer Verschlechterung ihrer Stimmung. Die TU Graz verweist darauf, dass Einschränkungen bei Impulskontrolle, Selbstregulation und Zeitmanagement – typische Merkmale von ADHS – hier mit den auf maximale Verweildauer optimierten Empfehlungsalgorithmen kollidieren. Damit entstehe ein Zustand, in dem Aufmerksamkeit so effektiv gebunden werde, dass die Kontrolle über das eigene Nutzungsverhalten systematisch untergraben werde.
Die Ergebnisse, die Ende Oktober auf der International ACM SIGACCESS Conference on Computers and Accessibility in Portugal vorgestellt werden und für einen Best-Paper-Award nominiert sind, kommen zu einem klaren Schluss: Auf Engagement optimierte Empfehlungssysteme können für Menschen mit ADHS zu einer digitalen Falle werden. Vor diesem Hintergrund gewinnen regulatorische Initiativen an Gewicht. In Europa werden strengere Regeln für Plattformen diskutiert, die solche Kurzvideo-Formate anbieten. Für Anbieter stellt sich damit zunehmend die Frage, wie sich aufmerksamkeitsstarke Feeds mit einem stärker auf vulnerable Nutzergruppen ausgerichteten Design in Einklang bringen lassen.

Inflationssorgen und steigende Ölpreise haben Europas wichtigste Aktienmärkte zur Wochenmitte spürbar belastet und zugleich die Monatsbilanz eingetrübt. Der EuroStoxx 50 schloss am Mittwoch 0,81 Prozent tiefer bei 6269,02 Punkten. Im Monatsverlauf verlor der Leitindex der Eurozone 2,4 Prozent und beendete damit eine Serie von fünf Anstiegen in Folge. Der DAX gab um 0,79 Prozent auf 25.199,19 Punkte nach, während der britische FTSE moderat um rund ein Viertel Prozent auf gut 10.600 Zähler nachgab.
Treiber der Risikoaversion waren neue Inflationsdaten aus großen Euroländern. In Deutschland kletterten die Verbraucherpreise im September auf 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr und damit erstmals seit Ende 2023 wieder über die Marke von drei Prozent, nachdem im August noch 2,9 Prozent verzeichnet worden waren. Starke Anstiege der Energiepreise wirkten als Hauptfaktor – eine Entwicklung, die sich nach ersten Angaben auch in Frankreich und Italien widerspiegelt. In Italien kam es zudem zu einem deutlichen Anstieg der Teuerung, was die Sorge nährte, dass der disinflationäre Trend im Euroraum ins Stocken geraten könnte.
Parallel dazu zogen die Ölpreise erneut an. Marktteilnehmer verwiesen auf die angespannte geopolitische Lage im Nahen Osten und mögliche Risiken für die Öllieferungen aus dem Persischen Golf. Berichte, wonach mehrere Tankschiffe in der Straße von Hormuz unter Beschuss geraten sein sollen, verstärkten die Nervosität. Höhere Energiekosten und im Umfeld der Inflationsdaten steigende Anleiherenditen machten Anleger nach Einschätzung von Marktstrategen europaweit selektiver. Ulrich Urbahn, Leiter Multi-Asset-Strategie und Research bei Berenberg, sieht dennoch Chancen für eine Jahresendrallye: Robuste Unternehmensgewinne könnten die Märkte stützen, sofern Firmen ihre Margen und Prognosen behaupten und sowohl Inflation als auch Renditen nicht weiter zulegen.
Im Branchenspektrum fehlten klare Impulse von den Technologiewerten, die nach Vortagesgewinnen überwiegend richtungslos tendierten. Viele Investoren warteten auf die anstehenden Quartalszahlen des US-Speicherchip-Herstellers Micron, die als Gradmesser gelten, ob der Boom rund um Künstliche Intelligenz weiterhin ausreichend im operativen Geschäft der Halbleiterbranche ankommt. Analyst Andreas Lipkow von CMC Markets warnte, eine Enttäuschung bei Micron könne die zuletzt gewachsene Skepsis gegenüber dem KI-Sektor rasch in neuen Verkaufsdruck umschlagen lassen. Einzelwerte wie BMW im DAX konnten sich diesem Umfeld zwar mit Kursgewinnen entziehen, insgesamt dominierte an den europäischen Börsen jedoch zum Monatsende die Vorsicht.